Beach Boys LH 1966

The Beach Boys in Ludwigshafen am Rhein

Urheberrechtsschutz: Kronhagel/Oppermann 2011

Friedrich-Ebert-Halle, 27.10.1966

                           Erlebnisbericht von Peter Kronhagel und Gene Oppermann

  

Gerd Kern war der erste unserer Fangruppe in Ludwigshafen, dem die Augäpfel fast aus den Höhlen fielen.

Sorgfältig prüfte er die Echtheit der unglaublichen Plakatierung auf einer Litfaßsäule. Dann hüpfte, sprang und torkelte er wie ein Besessener nach Hause.

Mein künftiger Schwager (obiger Glückspilz), vermittelte mir in Windeseile eine Botschaft, die für Ludwigshafen und deren unbedeutenden Popszene ein Vorweihnachtsmärchen ankündigte.

Wenig später stand ich selbst vor der Litfaßsäule am Marktplatz in der Innenstadt und starrte auf das auffallende rot leuchtende Plakat, das in zwei Meter Höhe angebracht war. Folgendes wurde angekündigt:

„Einziges Sondergastspiel

The Beach Boys in Ludwigshafen,

Donnerstag, 27.10.1966, Friedrich-Ebert-Halle.“

 

Um mich von der Richtigkeit der Vorankündigung zu überzeugen, rief ich am nächsten Tag die Hallenverwaltung an. Meine Anfrage wurde positiv bestätigt. Da in Frankfurt keine entsprechende Halle aufzutreiben war, wichen die Organisatoren nach Ludwigshafen aus. Grund dafür war die damals nagelneue kleine Arena im Norden der Chemiestadt, welche dem Veranstalter empfohlen wurde.

 

Als größtes Ereignis der deutschen Pop-Bühne, nach dem Beatles-Gastspiel, war uns dadurch Karl Buchmanns Tournee mit den Beach Boys, Ambros Seelos, Peter and Gordon, Graham Bonney und den Lords quasi in den Schoß gefallen.

Frankfurt wäre damals, für uns junge Leute, unerreichbar gewesen. 1966 herrschten andere Zeiten. Kaum Geld, kein Auto, nur ein Moped.

Nun nutzten wir die Gunst der Stunde durch schnellen Kartenkauf. Und Potz Blitz - der frühe Vogel findet den Wurm. Wir ergatterten beste Plätze, in der dritten Reihe, also ganz vorne an der Bühne.

Toll – bei dieser Entfernung zum Geschehen konnten wir bestimmt gute Fotos machen. Rollfilm und Blitzlichter wurden gekauft. Ihr erinnert euch sicher noch an die Blitzlämpchen, die in einen kleinen Reflektor-Schirm eingesetzt wurden. Vorsintflutliche Technik – das stimmt. Aber das Gastspiel der Beach Boys ist inzwischen (2011) 45 Jahre her!

 

Die Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Alle fieberten dem großen Spektakel entgegen. In den Tagen vor dem Gastspiel hörten wir nur noch Platten der Beach Boys. Die Texte wurden nochmals einstudiert. Singles (45er-Scheiben) der „Strandjungen“ waren genug vorhanden. Schließlich wollten wir in der Halle kräftig mitsingen.   

Mann – waren wir jung und begeisterungsfähig.

 

Die neuen Beat-Platten, besonders die Surf-Musik der Beach Boys, hatten es uns angetan. Kalifornische Freizeitkultur, die Sonne, der Strand, der Ozean und die schnittigen Wellenbretter. Oh – unglaublich verlockend schön erschien uns die Heimat des Quintetts.         

In den Freizeiten drehte sich Vieles um die schwarzen Scheiben, obgleich die Anschaffung einer Vinyl-Langspielplatte (damals ca. 24 DM), den Geldbeutel beträchtlich strapazierte. Wir kauften deshalb meistens Singles, das Stück für ca. 4 DM. Durch den sogenannten „Surf-Beat“ der Beach Boys wurden die gerade neu geschlossenen Freundschaften rund um Ludwigshafen gefestigt. Denn Peter und Gerd hatten etwas Neues!

Eine total frisch klingende Popmusik mit herrlichen Stimmen und Harmonien, die den erfolgreichen Beatles Einiges entgegensetzen konnte. Auch die Girls waren vom jugendlichen Elan und den „Ohrwürmern“ der Beach Boys begeistert. Gaby, meine Freundin und spätere Frau, war 1966 17 Jahre alt, Gerd 19 und Peter, der Schreiberling dieser Zeilen, 20. Meist trafen wir uns in der Dach-Mansarde bei Gerd, wo natürlich nicht nur Musik gehört wurde.

 

Wir waren nicht die Einzigen, die sich für den neuen Beat der Strandjungen interessierten. Ha – da war noch jemand, den Gaby und ich aber erst später persönlich kennenlernten, als wir 1987 das Beach Boys-Konzert in Bad Segeberg besuchten – Gene Oppermann!

Dieser plante, wie wir später erfuhren, ebenfalls den Trip in die Friedrich Ebert-Halle. Oma hatte ihm die Eintrittskarte im Wert von 18,50 DM gesponsort. Das war 1966 viel Geld. In der Nachmittagsvorstellung saß er aber auch in der ersten Reihe. Dafür kam er mit seinem Kumpel extra aus Speyer mit dem Zug angereist, was den Besuch des Events nochmals verteuerte. Auch zeitlich musste man solche Ausflüge damals einplanen, denn die Züge zwischen Speyer und Ludwigshafen fuhren vor 45 Jahren nicht im Stundentakt.        

    

..und dann war es soweit.

Die Beach Boys – wirklich in Ludwigshafen! Paradox, denn der größte Teil der USA hatte die Gruppe noch nicht live gesehen.

In der Nachmittagsvorstellung, dies hatten wir von Freunden erfahren, war es noch recht verhaltend zugegangen. Weder Veranstalter, Aufsichtspersonal noch Polizei hatten zu klagen.

Am Abend änderte sich das schlagartig. In der ausverkauften Halle begann man rasch die Ungeduld der Fans zu spüren, als Ambros Seelos und seine Mannen mit recht zahmen Pop-Versionen die Fans einlullten. Die Stimmung besserte sich erst, als danach die Lords auf die Bühne kletterten. Nun wurde es laut.

Schlimm – The Lords hatten es allem Anschein nach immer noch nicht vermocht, sich von der Vorphase des Beats freizumachen, die anfangs unter dem Motto „je lauter, je lieber“ stand. Was sie sangen, ging im allgemeinen Lärm weitgehend unter. Auch ihre originellen Kostüme konnten die Darbietung der deutschen Gruppe nicht retten.

Na ja – eigentlich waren wir auch wegen den Beach Boys hergekommen.


Graham Booney, 1966

Graham Bonney, begleitet von Ambros Seelos, betrat als nächster die Bretter, sang einmal mehr, aber nicht besser, sein „Supergirl“. Bei übersteuerten Verstärkern brachen sich Stimme und Begleitmusik mehrfach an den Wänden der Halle.

Fazit: Buhrufe des Publikums und schrilles Gepfeife. Ehe er den Part noch einmal wiederholte, gab Bonney seinem Missfallen dadurch Ausdruck, dass er dem Publikum den Rücken zuwendete und eine Weile in dieser Pose verharrte. Sein Kostüm übertraf das der Lords um Einiges.


Peter and Gordon, 1966

Ein derartiges Outfit schien er auch bitter nötig zu haben, um wenigstens die Augen der Girls für Momente in seine Richtung lenken zu können.

 

Und dann – Peter and Gordon. Sie waren Gott sei Dank geschickt genug, um die Menge von Grölern auszubremsen. Als sie sich in der Interpretation ihres Hits „Woman“ durch allzu eifrige und lautstarke Mitwirkung der Fans gestört sahen, brachen sie das Stück einfach ab. Einige im Saal drückten ihren Unwillen in „Glatzkopf-Sprechchöre“ aus, die Gordon mehrfach zu dem Befehl „Shut up“ veranlassten. Ansonsten verstanden es die beiden, von Ambros Seelos nur spärlich begleitet, das Publikum mit guter Musik und eindeutigen Gesten in Zaum zu halten.

In der Pause erstürmten dann die Fans die Bier- und Cola-Theken

Endlich – die Pause war um, und wir fieberten dem Auftritt der Beach Boys entgegen.

Herzklopfen bei den echten Fans. Bei mir noch zusätzlich Gänsehaut und ein Druck in der Magengegend.

Als die Beach Boys die Bühne betraten, hätte nicht viel gefehlt und die Friedrich-Ebert-Halle wäre zum Hexenkessel geworden. Die Gruppe wurde mit frenetischem Applaus begrüßt.

 

Ein Gefühl – unbeschreiblich. Ungläubig, mit einem Tränchen im Augenwinkel, starrte ich zur Bühne. Die „Könige“ – beinahe zum Anfassen. Wir saßen in der dritten Reihe.

 

Da waren sie leibhaftig: Dennis Wilson, Carl Wilson, Mike Love, Al Jardine und Bruce Johnston.

 

Nun erlebte die Halle bislang ungekannte Szenen – ein Jubel ohne Ende.

Johlen, Pfeifen, Geschrei aus 4.000 Kehlen, sowie rhythmisches Stampfen, ließen die Halle erzittern. Die Wellen der Begeisterung schlugen haushoch. Schon mit dem ersten Song hatten die Beach Boys ihr Publikum erobert. Frei von jeglichen Star-Allüren brachten sie einen Brian Wilson-Hit nach dem anderen. (Brian Wilson selbst sah man ab Anfang 1965 nicht mehr auf der Bühne). Bei „Sloop John B.“ erreichte die Stimmung einen Höhepunkt. Die Beat-Jünger waren außer sich vor Begeisterung.

Und dann stimmte Mike Love mit Hilfe eines Synthesizer ein Stück an, das Gaby, Gerd und ich noch nicht kannten. Mike schrie: „Good Vibrations“, the News…oder ähnlich. Die Komposition – einfach unglaublich. Ein herrliches Auf und Ab glasklarer Stimmen, wie im Kanon, mit gekonnt eingesetzten Instrumenten. So etwas hatten wir bis dato noch nicht gehört – fabelhaft. Die Masse der Fans wollte sich nicht mehr beruhigen, einige flippten total aus. Ein paar Stühle gingen dabei zu Bruch.

Als gegen Ende des Konzerts eine Horde junger Leute in Richtung Bühne drängte, bewiesen die Beach Boys sportliches Können, das vermutlich durch Erfahrungen bei Liveauftritten, nun auch in Ludwigshafen, gesteigert wurde.

Die Fünf ließen ihre Instrumente auf der Bühne zurück und brachten sich rasch in Sicherheit.

Ein startbereiter Wagen fuhr sie, wie wir später erfuhren, in ein Mannheimer Hotel.

                                                                      

Diesen Abend werde ich nie im Leben vergessen – es war traumhaft! Gaby und Gerd ritten ebenfalls auf der Glückswelle.

 

Rund 7.000 Besucher kamen zu beiden Vorstellungen.

 

Ich erwähnte bereits Gene Oppermann, der die Show der Beach Boys in der Nachmittagsvorstellung erlebte. Er hatte mit seinem Kumpel noch eine Begegnung der besonderen Art. Als nämlich junge Mädchen während dem Auftritt der Lords immer wieder versuchten, die Bühne zu stürmen, konnten sich die Speyerer an der Aufsicht vorbeimogeln. Der Bewacher, es war nur einer, hatte nämlich alle Hände voll zu tun, die

Girls wieder von der Bühne zu drängen.

Gene und sein Begleiter nutzten das aus, schlichen rasch hinter die Bühne, um von dort in den Vorbereitungsraum unserer „Könige“ zu gelangen. Ein Schild der Beach Boys wies ihnen den Weg. Und dort saßen die Stars und warteten auf ihren Auftritt: Dennis, Carl, Mike, Al und Bruce. Gene mit Kumpel wähnten sich wie im Traum. Die Beach Boys müssen die beiden für Security oder Personal des Veranstalters gehalten haben. Da Gene’s Freund gut Englisch sprach, ergatterten die Speyerer Autogramme von Dennis, Carl und Bruce.

Dennis war sehr gesprächig. Die Unterhaltung war so ergiebig, dass Dennis den beiden sogar einen Zettel mit seiner Heimatadresse und dem Hinweis zuschob, ihn doch einmal in Kalifornien besuchen zu können. Was Dennis nicht ahnen konnte: 1978 reiste Gene tatsächlich mit dieser Adresse in die Staaten, und es kam sogar zum Besuch bei Dennis im Studio. Gene ist einer der besten Beach Boys-Kenner der deutsch sprachigen Szene, er ist auch Mitbegründer von Deutschlands einzigem Fanclub der Beach Boys. 

 

…Okay – während die Lords ihre Zugaben spielten, nahmen die Speyerer ihre Plätze in der Halle ein. Gene hat auch die „Setlist“ vom Konzert in Ludwigshafen gerettet. Hier seine Aufzeichnungen:

 

 

Hier – zum Schluss Gene’s Originalton zu seinen Erinnerungen an das Konzert in der Friedrich Ebert-Halle:

                                                                      

„GOD ONLY KNOWS, vor dem Song sagte Mike: Seid bitte leise bei diesem wunderschönen Song und das gleiche bei GOOD VIBRATIONS. Ich war beeindruckt von der Stille in der Halle. Erst als dann Barbara Ann angekündigt wurde, brodelte es im Saal. Dann war das Konzert vorbei. Wir warteten noch eine Weile, wir dachten da kommt noch was.

Es war wirklich Schluss und wir diskutierten während der Bahnfahrt über dieses einmalige Konzert.

Was mich bis heute stolz macht, dass die Jungs ohne Begleitmusiker solch großartiges Konzert abgeliefert haben.“

 

 

1.                 Help me Rhonda

2.                 I get around

3.                 Medley: Surfin Safari, Fun Fun Fun, Shut down, Little deuce coupe, Surfin USA

4.                 Surfer girl

5.                 Papa oom mow mow

6.                 You’re so good to me

7.                 You’ve got to hide your love away (Dennis)

8.                 California Girls

9.                 Sloop John B

10.             Wouldn’t it be nice

11.             God only knows

12.             Good Vibrations

13.               Barbara Ann

          

 

Copyright: Kronhagel/Oppermann 2011       

 

Peter Kronhagel                                          Gene Oppermann                                                  

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